Tretboot – der verpönte Außenseiter unter den Wasserfahrzeugen

An Tretbooten hängen für mich vor allem Kindheitserinnerungen. Meine ersten Tretbooterfahrungen sammelte ich am Staffelsee inmitten der wunderschönen Kulisse des Voralpenlandes, wo ich meine Kindheit verbrachte. Am ein oder anderen schönen Sonntag gab es durchaus mal einen Familienausflug mit integriertem Tretbootfahren. Es war schön, annähernd lautlos durch den See zu „pflügen“. Danach war diese Bootsgattung für lange Zeit wieder aus meinem Leben verschwunden.

Vor etwa 8 Jahren hatte ich dann noch einmal Berührung mit dieser Art von Fortbewegung auf dem Wasser. Ein Wochenendausflug mit meinen eigenen Kindern. Eine Stunde Mietboot um auf einem kleinen See im Allgäu zu schippern.
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Allein der Anblick dieser Boote, wie auch des Verleihers hat in mir wieder Kindheitserinnerungen geweckt. Diese aufgereihten Boote im blau-weißen Design mit einer bunten Mischung aus Zwei- und Viersitzern. Die Sitze in einem Stück mit dem Bootskörper aus GFK ausgeformt. Zu Kindheitszeiten  empfand ich diese Art von Boot als besonders modern. War es auch im Vergleich zu den Holzruderbooten, welche die Alternative gewesen wären. Dieses Hightech ließen sich die Vermieter auch damals schon gut bezahlen. Ruderboot 3 Mark die Stunde. Tretboot 5 Mark die Stunde. Aber man gönnt sich ja sonst nichts. Auch der Vermieter sieht aus, als wäre er direkt den 70-ern entsprungen. Alte Stoffhose und ein Hemd, welche den Booten in ihrem Alter vermutlich nicht viel nachstehen. Haare nur noch in homöopathischen Mengen vorhanden, aber eine Engelsgeduld damit, die Kinder und älteren Menschen sicher in die Boote zu verfrachten.

Motorräder und Autos der 70-er waren meine Kindheit und meine Jugend. Diese Fahrzeuge lassen auch heute noch mein Herz höherschlagen, wenn ich sie zu Gesicht bekomme. Auch damals schon gab es legendäre Fahrzeuge mit Kunststoffkarosserien wie die Corvette oder den Lotus Elite, später der  McLaren F1. Das sind heute alles schier unbezahlbare Sammlerstücke. Bei den Tretbooten will sich allerdings das Gefühl, vor einem Oldtimer oder zumindest vor einem Klassiker zu stehen, nicht so richtig einstellen. Wenn ich es mit einem 70-er Jahre Auto vergleichen sollte, würde mir mit einem ähnlich mäßig gelungenen Design höchstens der Buggy auf VW-Käfer Basis einfallen. Aber selbst dieser hat mittlerweile einen gewissen, wenn auch nicht hochpreisigen, Oldtimerstatus erreicht. Aber vielleicht waren diese bunten Amüsierdampfer für Schönwetterkapitäne vom Design her einfach ihrer Zeit voraus und ich habe diese in ihrer passenden Zeitepoche schlichtweg übersehen. Die Form und das Erscheinungsbild der Boote hat sich seit den 70-ern des letzten Jahrtausends nicht wirklich verändert … oder sollten dies vielleicht noch immer dieselben Boote sein?

Obwohl man mittlerweile auch Boote mit angeformter Wasserrutsche oder in Schwanenform zu mieten bekommt. Auf der Mecklenburger Seenplatte kann man gar Tretboote mit Kajüte mieten und an den Technischen Universitäten in Duisburg und Flensburg sind mittlerweile höchst effektive Katamarane auf dem Markt, mit welchen auch ganz passable Geschwindigkeiten zu erzielen sind. Diese gab es damals aber definitiv noch nicht.
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Unter den Wassersportlern sind diese pummeligen Außenseiter verhöhnt und werden gemieden. Ein lächerlich hoher Wirkungsgrad im Vergleich zu modernem Sportgerät und ein ungünstig hoher Schwerpunkt sind die Argumente gegen diese Art von Boote. Einerseits kann ich das nachvollziehen. Sportliche Aktivitäten werden heute einfach nur noch in Wegstrecken, Bestzeiten und max. Höhenmetern kommuniziert. Schade eigentlich.

Andererseits denke ich mir, was ist denn für wassersportliche Aktivitäten besser geeignet, als ein Boot mit einem miserablen Wirkungsgrad. Genau diese Kombination ermöglicht es doch, echte sportliche Leistungen mit einer entschleunigten Fortbewegung zu kombinieren, welche wiederum  Seele und Geist guttut und es einem zugleich noch ermöglicht, gleichzeitig auch noch Natur und  Landschaft zu genießen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto sympatischer werden mir diese bunten Freizeitfregatten.

Aber auch ansonsten erkenne ich in diesen Booten viele Vorteile. Tretboote sind aufgrund der Auftriebskörper in Katamaranform quasi unsinkbar. Man hat eine große Ladekapazität und Zuladung, wodurch viel transportiert werden kann. Nicht zuletzt haben sie eine niedrige Grundgeschwindigkeit, wodurch man sich hervorragend in Geduld schulen kann.

Durch die Aneinanderreihung mehrerer Zufälle (gibt’s die überhaupt?), gelang es mir nun, ein solches Relikt aus der Vergangenheit zu ergattern.

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Blau/weiss (Hallo Kindheitserinnerungen!) als Viersitzer in einem recht passablen Zustand. Je mehr ich darüber nachdenke, erschließen sich mir auch die Herausforderungen jenseits der Tümpel im Allgäu. Warum nicht einmal mit dem Tretboot auf „Große Fahrt“ gehen? Unsere Outdoor-Tauglichkeit; sowie unsere sportlichen Fähigkeiten konnten wir im letzten Jahr bei einer ausgedehnten Radtour von Ulm nach Santiago de Compostela unter Beweis stellen.

Einmal mit dem Tretboot den Canal du Midi vom Atlantik ans Mittelmeer, auf der Garonne durch Frankreich oder auf der Donau bis ans Schwarze Meer. Letzteres ist im Moment eigentlich mein persönlicher Favorit, da wir wieder quasi vor der Haustür starten könnten, wie im letzten Jahr auf unseren Jakobsweg. Zum anderen ist es natürlich auch eine gewisse Herausforderung, da meinen Recherchen zufolge noch niemand sich auf diese 2598,99 km lange Tour mit einem Badeboot begeben hat. Vor ein paar Jahren haben zwei Studenten dieselbe Tour hinter sich gebracht, allerdings mit einem „sportlichen“ Aluboot und teilweiser Besegelung. Mit einem bunten Badeboot hat dies, meines Wissens, noch niemand diese Strecke hinter sich gebracht.

Der Entschluss ist gefasst. Wir werden es tun! (Wir wieder …)

Zuerst einmal werden wir, sozusagen als „Testfahrt“, an einem langen Wochenende die Donau mit unserem Zelt im Gepäck befahren. Dann werden wir sehen, welche Verbesserungen unserem Boot bis zur „großen“ Tour noch zuteil werden müssen. Auch werden wir dann erste Erkenntnisse über unsere zu planende „Reisegeschwindigkeit“ haben, denn diesbezüglich gibt es keinerlei Hinweise im sonst so allwissenden Internet.

Du darfst gespannt sein! Wir werden berichten.

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Gabi & Christian Berktold