Jakobsweg und Spiritualität

Wie man aus Pilgerinterviews hört, begeben sich zum heutigen Zeitpunkt nur noch die wenigsten Menschen aus kirchlichen Gründen auf den Jakobsweg. Es ist anscheinend nicht mehr wirklich interessant, auf den Spuren des alten Jakobus zu wandeln. Viel eher erkennen immer mehr Menschen den Wert ihrer selbst und geben sich die Erlaubnis dazu, in unserer schnelllebigen Zeit eine Auszeit zu nehmen, sich selbst wieder wichtiger zu nehmen, Zeit mit sich und den Gedanken um das eigene Leben zu verbringen. Für manche mag es eine Flucht aus dem Alltag sein, doch für die meisten birgt der Jakobsweg eine Chance darauf, in selbstgewählter, zeitlich begrenzter Einsamkeit wieder zu sich selbst und zu einer inneren Ruhe zu finden, und Kraft zu tanken, um im alltäglichen Leben wieder bestehen zu können. Viele Leute, die sich auf den Camino begeben, reden von Burnout, von Stress, der im Laufe der letzten Jahre dazu geführt hat, sodass jegliche Lebensqualität verlorengegangen ist, von der Unfähigkeit, ein „normales“ Leben aufrechtzuerhalten, da ständige Überforderungen ihren seelischen und körperlichen Tribut fordern.

Warum der Jakobsweg

Der Jakobsweg scheint insofern die Möglichkeit zu bieten, fernab des eigentlichen Lebens, wieder zu seiner eigenen Mitte zu finden.

Doch warum gerade der Jakobsweg? Warum nicht irgendeinen anderen Weg wählen?

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Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass der Mythos Camino einfach schon an und für sich das Gefühl weckt, dem Himmel und somit den geistigen Kräften einfach etwas näher zu sein, als auf irgendeinem anderen Weg. Wie viele Menschen haben den Camino bereits beschritten, sind mit glänzenden Augen zurückgekehrt, in sich die Überzeugung tragend, dass sie sich selbst und das Leben an und für sich genau dort wieder für sich entdeckt haben. Der Glaube an eine höhere Macht, der nicht zwingend von der Institution Kirche abhängig ist, sowie der Glaube daran, dass der Mensch von dieser höheren Macht mit Kraft und Erkenntnissen gespeist wird, die das alltägliche Leben wieder in einem anderen Licht erscheinen lassen und die Überzeugung davon, gestärkt und weniger problembehaftet wieder an seinen Ausgangspunkt zurückzukehren, nachdem man kilometerweite Strecken mit sich und seinen Gedanken allein verbracht hat, macht den Reiz dieses Weges aus. Zudem das Zusammentreffen mit gleichgesinnten Menschen, die ebenfalls unterwegs sind, Probleme zu verarbeiten, Schicksalsschläge mit jedem Schritt, den sie tun, ein wenig mehr zu überwinden, um letztendlich mit neuer Kraft ihrem Leben die Stirn zu bieten. Probleme zu teilen, darüber zu reden, Erkenntnisse auszutauschen und das Gefühl zu haben, innerhalb einer großen Familie zu wandern, aber dennoch für sich allein zu sein, nicht reden zu müssen, wenn einem nicht danach zumute ist, keinem Zwang zu unterstehen, sich für irgendetwas rechtfertigen zu müssen, aber dennoch die Möglichkeit zu haben, sich jemandem anzuvertrauen, wenn das Bedürfnis danach gegeben ist.

Der ganz persönliche Weg

Die Kommunikation mit völlig fremden Menschen fällt ja doch oft leichter, als mit vertrauten Personen. Hinzu kommt noch die fantastische Landschaft, durch die die einzelnen Jakobswege führen. Ob quer durch Frankreich, Spanien oder Portugal, entlang der spanischen Küste oder auf einem der unzähligen anderen Wege … Jeder einzelne biete für sich die Möglichkeit, sich wieder mit sich selbst und mit Mutter Natur zu verbinden, das Leben in sich wieder zu spüren und sich seiner Wertigkeit als Teil des Universums, als Teil dieser geballten Kraft, die sich Leben nennt, wieder bewusst zu werden.

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Und doch ist es so, dass man eigentlich jeden Weg zu seinem ganz persönlichen Jakobsweg machen kann. Der Jakobsweg fängt genau dort an, wo wir beginnen, umzudenken und uns selbst wieder bewusst zu machen. Auch wenn ich heute nur erst meine Gedanken darauf ausrichte, dass ich etwas in meinem Leben ändern möchte, dass ich mich selbst wieder leben und den Einklang der Natur wieder erreichen möchte, bin ich bereits auf dem Weg, und mit jedem Schritt, den ich dann tatsächlich auf dem Pfad meines Lebens gehe, der mich weiterbringt, sei dies nun gedanklich oder auf einem wirklichen Weg, den ich im Bewusstsein meiner Selbst und in der Bewusstwerdung der Möglichkeiten, die mir zu einer Veränderung meines Lebens zur Verfügung stehen, finde ich mehr und mehr zu mir selbst zurück.

Wichtig ist einzig und allein unsere Ausrichtung und die Bereitwilligkeit, an uns und unserem Leben selbst zu arbeiten, wenn wir darin einen Wandel suchen, der uns Ruhe, Gelassenheit und Freude im Leben bringen soll.

Erkenne die Wertigkeit Deines Lebens

Gehen wir also den ersten Schritt. Befreien wir uns von der Last des Alltags und lassen wir ihn zumindest einmal für ein paar Wochen hinter uns. Lernen wir, unsere Probleme und uns selbst aus einer objektiven Sicht heraus zu betrachten, und finden wir in der Ruhe unseres ganz persönlichen Caminos wieder zu uns selbst zurück. Wir können uns selbst nichts Besseres tun, als den Schritt zu wagen und unseren Weg zu beschreiten.jakobsweg-250366_1280

Lasst uns die tatsächliche Wertigkeit unseres Lebens erkennen.

Lasst uns neue Erfahrungen und neue Erkenntnisse sammeln, die uns dahingehend zurückführen, den Sinn unseres Daseins zu erkennen und wieder zu lernen, Freude, Gelassenheit und die Schönheit allen Seins wahrzunehmen … alles Dinge, die im bisherigen Alltag anscheinend in Vergessenheit geraten sind.

Buen Camino – egal, welchen Weg du wählst, du wirst immer genau DORT ankommen, wohin du bereit zu gehen bist …

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Gabi & Christian Berktold