Der Ruf des Camino

Im April 2015 fasste ich den Entschluss, eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela, bzw. weiter ans Capo de Finesterre, also bis ans „Ende der Welt“ zu machen, wobei ich sagen muss, dass ich diesen Entschluss nicht wirklich gefasst habe, sondern mich von heute auf morgen mit der Tatsache konfrontiert sah, diese Reise unternehmen zu müssen.

Ich hatte mich zuvor in keinster Weise mit dieser Thematik beschäftigt, außer dem, was man am Rande so mitbekommt, wenn sich mal wieder ein Promi werbewirksam mit Buch oder Film in die Medien bringt. Es gab für mich kein Buch, keinen Film, keine vorausgegangenen Gespräche oder sonst etwas, das diesen Gedanken in mir hätte reifen lassen können. Auch bin ich in keinster Weise religiös veranlagt, was vielleicht eine Erklärung für diesen Gedanken hätte sein können.

Viele Leute sagen, man würde vom Camino gerufen. Ich habe das bisher für blanken Unsinn gehalten, bis zu dem Zeitpunkt, als es mir ebenso erging.

All diejenigen, die jetzt glauben, einen durchgeknallten Esoteriker vor sich zu haben, kann ich beruhigen, denn das bin ich mit Sicherheit nicht. Ich halte mich für relativ klar denkend und auch für eher bodenständig, allerdings versuche ich, für die spirituelle Seite des Lebens auch offen zu sein und für mich entsprechende Antworten zu finden.

Diese Gedanken habe ich dann erst einmal ein paar Tage vor mir hergewälzt, ehe ich mir eingestehen konnte, dass ich dies nun wirklich tun muss und auch mit meiner Frau darüber sprechen konnte.

Ich befinde mich derzeit sicherlich in einer Lebenssituation, in der mir eine „Auszeit“ oder die Möglichkeit, mich einmal ausgiebig mit mir selbst zu beschäftigen, gut täte. Aber muss es denn wirklich Santiago sein?

Der Camino ist seit Hape Kerkeling IN. Es ist Hip, auf den Spuren des Entertainers zu wandern. Es ist eigentlich nicht wirklich meine Art, mich mit der Masse zu bewegen, mich anzupassen … Ich habe also versucht, über andere Arten einer möglichen  „Auszeit“ für mich nachzudenken.

Vielleicht mit dem Wohnmobil ein halbes Jahr Europa zu bereisen?

In den Flieger zu steigen und in eine andere Kultur, wie z.B. in Thailand oder Bali einzutauchen, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass eine Flucht in eine andere Kultur oder auch das ziellose Reisen mit einem Kraftfahrzeug nicht die Lösung darstellt. Eine Berieselung mit anderen Kulturen und täglich wechselnden Aktivitäten ist derzeit wohl nicht der Schlüssel dazu, um mich selbst wiederzufinden. Vermutlich hat es daher auch tatsächlich genau diesen Sinn, dass mir die Entscheidung über „meinen“ Weg sozusagen abgenommen wurde, indem ich den „Ruf des Caminos hörte“.

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Mittlerweile weiß ich auch, dass ein klar definierte „Startpunkt“, wie auch das feste „Ziel“  insofern Sinn machen, als dass dadurch auch der „Weg“ unverkennbar vorgegeben ist, sodass ich nichts weiter tun muss, als mich mit mir zu beschäftigen, und natürlich weiterzulaufen bzw. zu radeln – immer nach vorne, immer weiter. Für mich ist das nach dem vielen Hin und Her der letzten Jahre eine richtig schöne Vorstellung.

Im Grunde genommen hätte ich mir die Suche nach mir selbst auch gerne etwas einfacher gemacht. So wie ich die letzten Jahre sportliche Aktivitäten gemieden habe, fühlte ich mich beim Reisen in einer gewissen Komfortzone doch relativ wohl. Nachdem mir aber die Entscheidung hierzu wohl von „höherer“ Stelle abgenommen wurde, blieb mir also auch nichts anderes übrig, als mich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Gezwungenermaßen mußte dies auch Gabi tun, denn Ihr wisst ja: Obelix würde niemals ohne Asterix gehen!

Wir entschlossen uns also, unseren Jakobsweg von Zuhause aus zu beginnen und nicht den von den meisten Pilgern gewählten „Camino Francés“, sondern den noch eher unbekannteren, dafür aber weiteren und auch beschwerlicheren „Camino de la Costa“ sowie den „Camino del Norte“ entlang der spanischen Altlantikküste zu wählen.

Zudem entschlossen wir uns auch, unseren Jakobsweg mit dem Fahrrad zu bereisen, da wir einfach keine vier Monate Zeit haben, um den Weg per pedes zu absolvieren. Wir schreiben, fotografieren und filmen gerne, und steht es für uns außer Frage, dies auch während unseres Weges zu tun. Dies bedarf natürlich auch einer Minimalausstattung an Technik, welche in einem Wanderrucksack keinen Platz gefunden hätte.

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Wir wissen im Moment nicht, ob und was dieser Weg in uns bewirken wird, ebenso wenig wie wir wissen, ob dies der „Weg unseres Lebens“ sein wird oder vielleicht der Beginn eines völlig neuen Abschnittes. Wir werden es hoffentlich bald wissen und ihr natürlich auch, weil ihr mit diesem Blog an unserer Reise teilhaben könnt.

Wir werden in regelmäßigen Abschnitten, sofern uns genügend Netz und Strom zur Verfügung steht, im Tourengeflüster berichten. Fest steht auch bereits jetzt, dass es 2016 einen Film und mindestens ein Buch über die „Reise zu uns selbst“ geben wird.

Buen Camino

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Gabi & Christian Berktold